Pforzheim/München, 08.04.2022. Der Wirtschaftsbericht des letzten Jahres war im Februar 2021 noch geprägt von einem Lockdown im Handel und düsteren Aussichten für das Gesamtjahr. Nach Abschluss des Geschäftsjahres 2021 kann der Bundesverband Schmuck, Uhren, Silberwaren und verwandte Industrien e. V. (BVSU) konstatieren, dass er von einer dynamischen Wirtschaft eines Besseren belehrt wurde.

Die deutsche Schmuck- und Uhrenindustrie war von Beginn der Corona-Krise im Jahr 2020 stark von den wirtschaftlichen Folgen betroffen. Der stationäre Handel mit dem Endverbraucher kam zeitweise weltweit zum Erliegen, auch in der zweiten Corona-Welle ab November 2020. Alleine in Deutschland musste der Fachhandel bis April im Lockdown ausharren und sowohl Händler als auch Hersteller sahen düsteren Zeiten entgegen. Mit der langsamen Öffnung der Gesellschaft, ausgehend von für die Schmuck- und Uhrenindustrie wichtigen Regionen wie dem Mittleren Osten und Asien, kam auch die Branchenwirtschaft in Europa und letztendlich auch in Deutschland wieder in Schwung. Die damit einhergehende Aufholjagd war fulminant und in ihrer Art und Weise so kaum abzusehen. Auch in unserer Branche waren Lieferketten ins Stocken geraten. Die aus der Aufholjagd resultierende überproportionale Nachfrage an Edelmetallen, Steinen und Halbzeugen konnte nicht immer sofort bedient, dennoch aber sukzessive abgearbeitet werden.

Dr. Guido Grohmann, Hauptgeschäftsführer des BVSU zieht ein insgesamt positives Fazit: „Zusammenfassend können wir berichten, dass Corona zwar nicht spurlos an der Industrie vorbeigezogen ist, die meisten unserer Branche mit der Geschäftsentwicklung jedoch inzwischen wieder zufrieden sind.“

Das Jahr 2021 in Zahlen

Anfang März veröffentlichte das statistische Bundesamt die von ihm erhobenen endgültigen Zahlen. Demnach erzielten die in 2021 von 13 auf 12 zurückgegangenen deutschen Uhrenhersteller mit mehr als 50 Beschäftigten mit ca. 333 Millionen € einen um 13,6 % gestiegenen Umsatz im Vergleich zu 2020 (€ 293 Mio.) und das bei einem gezählten Betrieb weniger. Ebenso sank die Zahl der gezählten Beschäftigten von 2.167 in den zuvor 13 gezählten Unternehmen auf 2.101 in den nun 12 Unternehmen. Auch der Export steigerte sich mit ca. € 1,525 Mrd. um 15,6 % gegenüber den Zahlen von 2020 (€ 1,319 Mrd.). Bei letzterem Wert ist zu berücksichtigen, dass sämtliche Betriebe der Branche unabhängig von ihrer Größe erfasst werden, wenn sie eine jährliche Berichtsgrenze von € 500.000 übersteigen.

2020 2021 %
Umsatz Uhren
In Mio. Euro; Betriebe ab 50 Mitarbeiter
293 333 +13,6 %
Anzahl der Betriebe insgesamt

Betriebe ab 50 Mitarbeiter

13 12 -7,6 %
Anzahl der Beschäftigten

Betriebe ab 50 Mitarbeiter

2.167 2.101 -3,1 %
Ausfuhr Uhren insgesamt
in Mio. Euro
1.319 1.525 +15,6 %
Einfuhr Uhren insgesamt

in Mio. Euro

1.865 2.149 +15,2 %
Einfuhr Werke insgesamt
in Mio. Euro
28 30 + 3,9 %

Tabelle 1: Zahlen Uhren im Vergleich 2020 zu 2021 (Quelle: Statistisches Bundesamt)

Die von 25 auf die Anzahl 22 gesunkenen Produzenten von Schmuck, Gold- und Silberschmiedewaren mit mehr als 50 Beschäftigten verzeichneten 2021 mit ca. € 485 Mio. eine Umsatzsteigerung von 16,5 % gegenüber dem Vorjahreszeitraum (€ 416 Mio). Auch scheinen die in dieser Statistik verbliebenen Betriebe ihre Beschäftigtenzahl gesteigert zu haben, denn insgesamt sank die Zahl der Beschäftigten in nun 22 Betrieben von 2.734 im Jahr 2020 auf 2.723 im Jahr 2021, also nur um 0,4 % bei insgesamt drei gezählten Betrieben weniger. Der Export der gesamten Branche stieg im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 19,1 % von ca. € 2,017 Mrd. auf 2,403 Mrd. Auch hier gilt die Berichtsgrenze von € 500.000, unabhängig von der individuellen Betriebsgröße. Wegen der Berichtsgrenze können die hier genannten Umsatzzahlen nicht den Gesamtexport wiedergeben.

  2020 2021 %
Umsatz Schmuck, Gold- und Silberschmiedewaren
In Mio. Euro; Betriebe ab 50 M
416 485 +16,5 %
Anzahl der Betriebe insgesamt
Betriebe ab 50 Mitarbeiter
25 22 -12,0 %
Anzahl der Beschäftigten
Betriebe ab 50 Mitarbeiter
2.734 2.723 -0,4 %
Ausfuhr Schmuck, Gold- und Silberschmiedewaren
insgesamt in Mio. Euro
2.017 2.403 +19,1 %
Einfuhr Schmuck, Gold- und Silberschmiedewaren
insgesamt in Mio. Euro
1.722 1.930 +12,1 %

Tabelle 2: Zahlen Schmuck im Vergleich 2020 zu 2021 (Quelle: Statistisches Bundesamt)

Da sich die genannten Zahlen ausschließlich auf Betrieb ab einer Größe von 50 Beschäftigten beziehen, ist für die Bewertung der wirtschaftlichen Situation für den BVSU auch die halbjährliche, interne Befragung der Mitgliedsunternehmen von wichtiger Aussagekraft, da ca. 60 % der Mitgliedsfirmen weniger als 20 Mitarbeiter aufweisen. So zeigt sich u.a., dass keine der kleineren Mitgliedsfirmen von einem Umsatzrückgang von mehr als 10 % gegenüber dem Vorjahr berichten, 19 % von einem zwischen 5-10 % liegenden Umsatzrückgang. Bei rund 29 % war der Umsatz gleich gegenüber dem Vorjahr, weitere 19 % hatten einen 5-10 % besseren Umsatz und 33 % eine Umsatzsteigerung von 10 % oder mehr. Als Gründe für die Schwankungen führen 36 % den Verlust oder Zugewinn wichtiger Märkte an, 9% die hohen Edelmetallkurse und 54,55 % andere Gründe wie die Pandemie im Allgemeinen und Probleme beim Versand von Ware als Faktoren. Bei der Umsatzerwartung für das Jahr 2021 rechnen 65 % der Kleinbetriebe mit gleichbleibenden Zahlen, 35 % rechnen mit einer günstigeren Umsatzentwicklung im Jahr 2022. Dies ist eine komplette Kehrtwende der Einschätzung im Vergleich zum Vorjahr. Bemerkt werden muss in diesem Zusammenhang, dass die Umfrage vor der dramatischen Verschärfung der Russland-Krise durchgeführt wurde.

Noch günstiger sieht die Auswertung bei den Betrieben über 20 Mitarbeitern aus. Hier vermelden 57 % der Unternehmen für 2021 einen Umsatzzuwachs von mehr als 10 %, rund 21 % melden einen Umsatzzuwachs von 5-10 %, bei 7 % blieb es gleich, etwas mehr als 14 % vermelden einen Umsatzrückgang; bei keinem der Unternehmen war dieser jedoch im Bereich vom mehr als 10% angesiedelt. Was die Umsatzerwartungen im Jahr 2022 anbelangt, so rechnen die größeren Firmen zu 35 % mit einer günstigeren Entwicklung, 50 % mit einer gleichbleibenden und 14 % mit einer ungünstigeren Tendenz.

Dass sich unabhängig von den Einteilungen in Betriebsgrößen der heimischen auch der Gesamtmarkt in Deutschland positiv entwickelt hat zeigen die Zahlen des Handelsverband Juweliere (BVJ), die am heutigen Tag im Rahmen der Inhorgenta veröffentlicht wurden. Demnach hat sich der Gesamtmarkt für Schmuck und Uhren im zweiten Pandemiejahr leicht erholt. Der Umsatz stieg in 2021 um 3 % auf fast 4,4 Milliarden Euro. Nach einem Marktrückgang im vergangenen Jahr um über 11 % ist das Umsatzvolumen von dem Vorkrisenniveau jedoch noch weit entfernt.

Hoffnung: Das Wiedererwachen des Messegeschäfts

Da Corona das Messegeschäft ab Anfang März 2020 vollständig zum Erliegen gebracht hat und seitdem lediglich einige kleinere oder stark verkleinerte Veranstaltungen stattfinden konnten, hofft die Industrie auf ein Wiedererwachen des für die Branche so wichtigen Messegeschäftes. In Bezug auf die großen internationalen Messen gab im vergangenen Monat die Vicenzaoro in Italien den offiziellen Startschuss, Anfang April folgte die Watches & Wonders in Genf. Mit dem Start der Inhorgenta Munich am heutigen Tag kann auch bei uns aufgeatmet werden. Die Leitmesse der deutschen Schmuck- und Uhrenbranche ist zurück! Vier spannende Messetage, persönliche Gespräche, ein mit Sicherheit glanzvoll gestalteter Inhorgenta Award und viele weitere Gelegenheiten zum direkten Austausch ohne technische Hilfsmittel versprechen Spannung und ein wenig Rückkehr zur Normalität.

Corona und Krieg: Es gilt wachsam zu bleiben

Nachdem sich viele noch Anfang des Jahres eine andere Entwicklung erhofften, wurde der brutale Angriffskrieg Russlands in der Ukraine am 24. Februar zur Realität. Gepaart mit der (noch) nicht ausgestandenen weltweiten Corona-Krise ist es derzeit schwierig, genaue Vorhersagen über die Entwicklung der Branche im laufenden Jahr zu machen. Bezogen auf die Russland-Krise stellen sich vor allem zwei Fragen: Welche Bedeutung hat Russland als Lieferant und Konsument für die Schmuck- und Uhrenindustrie? Welche Folgen hat der Krieg in der Ukraine für die Weltwirtschaft und damit einhergehend auch für unsere Branche?

Durch die nahezu weltweit verhängten Sanktionen und die proaktiven Reaktionen der Industrie ist hierbei zunächst einmal die Rolle Russlands als Zulieferer für unsere Branche zu betrachten, denn Russland ist ein wichtiger Lieferant von Gold (global 9 % Produktionsanteil), Diamanten (global nach Schätzungen 25-30 % Produktionsanteil) und Palladium (global ca. 45 % Produktionsanteil). Der Boykott dieser Bezugsquellen wird wohl oder übel die Preise für diese Rohstoffe mittelfristig belasten und somit auch Auswirkungen auf die Preispolitik bei Uhren und Schmuck haben. Lieferengpässe sind jedoch zumindest kurzfristig eher nicht zu erwarten, das größte Sorgenkind in diesem Zusammenhang ist Palladium, welches in der Schmuckindustrie zur Herstellung von Weißgold benötigt wird.

Bei den Auswirkungen auf Russland als Verbraucher muss beachtet werden, dass der russische Inlandsmarkt für Schmuck- und Uhren vergleichsweise klein ist. Die deutsche Schmuckindustrie exportierte im Jahr 2021 wertmäßig 0,85 % ihres Gesamtexportes nach Russland, die deutsche Uhrenindustrie 1,06 %, im Vergleich hierzu die Schweizer Uhrenindustrie 1,2 %. Die Ausgaben der russischen Bürger für Uhren und Schmuck im Ausland ist deutlich schwieriger zu bewerten. Dieser dürfte zwar bedeutend sein, einen Anteil von 5 % am Gesamtkonsum internationaler Touristen jedoch nicht überschreiten und somit keinen Vergleich zu den Ausgaben chinesischer, amerikanischer oder mitteleuropäischer Touristen darstellen.

In der Innenansicht der Branche sollten die direkten Folgen des Krieges in der Ukraine und der Sanktionen sowohl in Bezug auf das Angebot als auch auf die Umsätze spürbar, kurzfristig schmerzhaft, langfristig jedoch nicht existenzbedrohlich sein. Ganz anders mag es aussehen, wenn man die kompletten Implikationen auf die Weltwirtschaft mitberücksichtigt. Die von Russland verursachte Krise kommt zu einem Zeitpunkt an dem die Lage der Weltwirtschaft durch die Corona-Pandemie sowieso schon angespannt war. Viele Länder haben hohe Schulden gemacht um die Krise für Wirtschaft und Bevölkerung abzufedern. Der Krieg in Osteuropa wird durch erhöhte Rüstungsausgaben, hohe Energiekosten und viele andere Faktoren zusätzliche Schulden weltweit verursachen, die Inflation wird überall weiter zunehmen. All diese Punkte werden Auswirkungen auf das weltweite Konsumverhalten haben, deren Größen zum aktuellen Zeitpunkt nicht quantifizierbar sind. Sie werden auch vor unserer Branche nicht halt machen. BVSU Präsident Uwe Staib ist deshalb sicher: „Für das Jahr 2022 und darüber hinaus gilt es für jeden Unternehmer wachsam zu bleiben und die weltwirtschaftliche Lage ständig neu zu bewerten. Dies gilt trotz aller Freude über die unter den aktuell gegebenen Umständen gut laufenden Geschäfte der Branche.“

Bundesverband Schmuck und Uhren, Silberwaren und verwandte Industrien e.V.

April 2022

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