Rekordwerte in der Statistik, gedämpfte Stimmung in den Betrieben: Die Außenhandelszahlen der deutschen Schmuck- und Uhrenbranche für das erste Quartal 2026 spiegeln vor allem den exorbitanten Anstieg der Edelmetallpreise wider – ein Effekt, der durch die zunehmende geopolitische Instabilität und den Ausbruch des Irankrieges im Februar 2026 weiter verstärkt wird.
Pforzheim, 27.05.2026. Die Außenhandelszahlen für das erste Quartal 2026 zeichnen auf den ersten Blick ein beeindruckendes Bild. Der Export von Schmuck, Gold- und Silberwaren erreichte mit rund 2,42 Milliarden Euro einen neuen Quartalshöchstwert – ein Anstieg von knapp 50 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum (Q1 2025: 1,62 Milliarden Euro) und mehr als 85 Prozent gegenüber Q1 2024 (1,31 Milliarden Euro). Ähnlich außergewöhnlich fällt auch der Importwert aus: Mit 2,04 Milliarden Euro liegt der Importwert von Schmuck, Gold- und Silberwaren im ersten Quartal 2026 um rund 28 Prozent über dem Vorjahresquartal (Q1 2025: 1,59 Milliarden Euro).
Diese Zahlen verlangen jedoch nach einer präzisen Einordnung, denn sie spiegeln weniger eine entsprechend gestiegene Nachfrage als vielmehr das außergewöhnlich hohe Preisniveau bei Edelmetallen wider. Gold, Silber und Platin befinden sich seit 2022 in einem anhaltenden Aufwärtstrend – einem der stärksten und längsten Preiszyklen seit Jahrzehnten. Doch was bereits als strukturelle Neubewertung dieser Anlageklassen galt, hat sich seit Ende 2025 und insbesondere zu Beginn des Jahres 2026 nochmals dramatisch verschärft. Gold erreichte Ende Dezember 2025 neue Rekordstände bei über 4.400 US-Dollar je Unze – mit einem Jahresplus von nahezu 70 Prozent dem stärksten Jahreszuwachs seit 1979. Silber stieg im selben Zeitraum um rund 150 Prozent, Platin um über 110 Prozent. J.P. Morgan prognostiziert für das vierte Quartal 2026 einen Goldpreis von durchschnittlich über 5.000 US-Dollar je Unze. Die in Euro ausgewiesenen Außenhandelswerte der deutschen Schmuck- und Edelmetallbranche spiegeln diese Preisentwicklung unmittelbar und zwangsläufig wider. Wer die Zahlen ohne diesen Kontext liest, erhält ein fundamental verzerrtes Bild der tatsächlichen wirtschaftlichen Lage der Branche.
Aufschlussreich ist der Blick auf die Teilkategorien. Beim Export von Edelmetallen und Halbzeugen zeigt sich der Preiseffekt am deutlichsten: Mit 1,34 Milliarden Euro im ersten Quartal 2026 liegt dieser Wert mehr als 60 Prozent über dem Vorjahreszeitraum (Q1 2025: 819,9 Millionen Euro) und nahezu doppelt so hoch wie Q1 2024 (609,5 Millionen Euro). Dieser Bereich transportiert im Wesentlichen den Rohstoffpreisanstieg in die Statistik – weniger eine echte Wachstumsdynamik im verarbeitenden Gewerbe als eine buchhalterische Reflexion gestiegener Materialwerte.
Der Export von vollendetem Schmuck stieg auf 823,5 Millionen Euro (Q1 2025: 697,1 Millionen Euro; Q1 2024: 578,2 Millionen Euro), ein Plus von rund 18 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal. Auch hier ist der Preiseffekt ein wesentlicher Treiber, allerdings könnte ein Teil des Zuwachses auch auf eine leichte Erholung der internationalen Nachfrage hindeuten – eine Interpretation, die durch die gleichzeitig gestiegenen Importwerte für Fertigschmuck (Q1 2026: 639,5 Millionen Euro; Q1 2025: 601,0 Millionen Euro) gestützt wird, aber keine verlässliche Aussage über Stückzahlen zulässt.
Bemerkenswert ist die Entwicklung beim Export von Edelsteinen, Diamanten, synthetischen Diamanten und Perlen: Mit 264,2 Millionen Euro im ersten Quartal 2026 liegt dieser Wert mehr als doppelt so hoch wie in den Vorjahresquartalen (Q1 2025: 103,9 Millionen Euro; Q1 2024: 118,8 Millionen Euro). Diese außerordentliche Steigerung deutet auf eine spezifische Marktdynamik hin, die über den allgemeinen Edelmetallpreiseffekt hinausgeht und gesondert beobachtet werden sollte.
Uhrenindustrie: Stabile Entwicklung ohne Ausreißer
Die Uhren- und Uhrenteileindustrie zeigt im ersten Quartal 2026 eine ruhigere, aber solide Entwicklung. Der Gesamtexport von Uhren, Großuhren und Teilen belief sich auf 470,1 Millionen Euro und liegt damit rund 2,3 Prozent über dem Vorjahreszeitraum (Q1 2025: 459,7 Millionen Euro) sowie 13,3 Prozent über Q1 2024 (415,0 Millionen Euro). Die Steigerung fällt deutlich moderater aus als im Schmucksegment, was auf eine geringere Abhängigkeit vom Edelmetallpreiseffekt und eine eher organisch verlaufende Geschäftsentwicklung hindeutet.
Beim Export von Kleinuhren stieg der Wert auf 428,4 Millionen Euro (Q1 2025: 425,5 Millionen Euro), eine marginale Steigerung von knapp einem Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die Entwicklung ist damit im Wesentlichen seitwärts gerichtet. Auf der Importseite stiegen die Einfuhren von Uhren und Uhrenteilen auf 650,9 Millionen Euro deutlich an (Q1 2025: 571,8 Millionen Euro; Q1 2024: 591,9 Millionen Euro), ein Plus von 13,8 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal. Steigende Importe bei moderatem Exportwachstum können auf eine Normalisierung der Lagerbestände hindeuten, nachdem in den Vorjahren der Uhrenimport zeitweise deutlich gesunken war.
Geopolitischer Kontext: Unsicherheit als struktureller Preistreiber
Die außergewöhnliche Preisentwicklung bei Edelmetallen lässt sich nicht losgelöst vom globalen geopolitischen Umfeld verstehen. Der seit 2022 anhaltende Krieg in der Ukraine, die ungelösten Handelskonflikte zwischen den USA und China sowie die strukturellen Fragen rund um Währungsabwertung und staatliche Verschuldung haben Gold, Silber und Platin als Sicherungsanlagen nachhaltig in den Fokus institutioneller und privater Anleger gerückt. Zentralbanken haben ihre Goldkäufe seit 2022 auf mehr als das Doppelte des Niveaus der Jahre 2015 bis 2019 gesteigert und halten mittlerweile fast ein Viertel der globalen Goldnachfrage.
Zu diesen bereits bestehenden Spannungen ist seit dem ersten Quartal 2026 ein neuer, unmittelbarer Eskalationsherd hinzugekommen. Am 28. Februar 2026 begann mit großangelegten Luftangriffen der USA und Israels auf Ziele im Iran ein regionaler Krieg, der sich schnell ausweitete und erhebliche globale Folgen zeitigte. Diesem Angriff war bereits im Juni 2025 eine direkte militärische Konfrontation zwischen Israel und dem Iran vorausgegangen, der sogenannte Zwölf-Tage-Krieg, der nur durch massiven diplomatischen Druck beendet werden konnte. Der nun offen ausgetragene Konflikt mit iranischen Gegenangriffen auf Israel und US-Militärbasen in der Golfregion hat die geopolitische Risikoprämie bei Edelmetallen nochmals deutlich erhöht und dürfte auch im weiteren Jahresverlauf als preistreibender Faktor wirken.
Für die deutsche Schmuck- und Uhrenbranche hat diese Gemengelage eine direkte operative Dimension: Hohe Rohstoffpreise erhöhen den Kapitalbedarf, erschweren die Preisfindung gegenüber Endkunden und senken die Planbarkeit erheblich. Unternehmen, die Edelmetalle zu aktuellen Marktpreisen einkaufen und an Konsumenten zu kalkulierten Preisen verkaufen, stehen vor der schwierigen Aufgabe, gestiegene Materialkosten weiterzugeben, ohne Absatzvolumina einzubüßen – in einem Konsumumfeld, das in Deutschland und Europa nach wie vor verhalten bleibt.
Einordnung und Ausblick
Die Gesamtbetrachtung der Zahlen des ersten Quartals 2026 führt zu einer differenzierten Bewertung: Die Statistik weist Rekordwerte aus – die wirtschaftliche Realität vieler Unter-nehmen dürfte sich damit nur bedingt decken. Das hohe Preisniveau bei Edelmetallen verzerrt die in Euro ausgewiesenen Außenhandelswerte strukturell nach oben, ohne dass da-raus auf eine entsprechend starke Nachfrage oder gestiegene Produktionsauslastung geschlossen werden kann.
Die weitere Entwicklung wird wesentlich davon abhängen, wie lange das außergewöhnliche Edelmetallpreisniveau anhält und ob der Irankonflikt sowie die übrigen geopolitischen Krisenherde zu einer weiteren Eskalation oder einer graduellen Deeskalation tendieren. Hinzu kommt die Frage, ob sich die internationale Konsumnachfrage im laufenden Jahr festigt. Aussagekräftige Hinweise auf die tatsächliche Nachfrageentwicklung werden die Zahlen des zweiten Quartals liefern, die den Verlauf nach dem saisonalen Hoch des ersten Quartals sichtbar machen werden.
Bundesverband Schmuck und Uhren, Silberwaren und verwandte Industrien e.V.
27. Mai 2026
Quelle: Statistisches Bundesamt, Außenhandelsstatistik, Stand Mai 2026.



