Rekordwerte in der Statistik, gedämpfte Stimmung in den Betrieben: Die Außenhandelszahlen der deutschen Schmuck- und Uhrenbranche für das erste Halbjahr 2026 spiegeln vor allem den exorbitanten Anstieg der Edelmetallpreise wider, ein Effekt, der durch die anhaltende geopolitische Instabilität, den seit Februar 2026 eskalierenden Irankonflikt und die globalen Handelsspannungen weiter verstärkt wird.
Pforzheim, 24.08.2026. Die Außenhandelsdaten für das erste Halbjahr 2026 markieren neue statistische Höchststände. Der Gesamtexport von Schmuck, Gold- und Silberwaren belief sich auf rund 4,62 Milliarden Euro – ein Anstieg von 34,6 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum (1. Halbjahr 2025: 3,43 Milliarden Euro) und mehr als 82 Prozent gegenüber dem ersten Halbjahr 2024 (2,53 Milliarden Euro). Zum Vergleich: Im gesamten Jahr 2025 wurden 6,92 Milliarden Euro exportiert – der Halbjahreswert 2026 entspricht damit bereits zwei Dritteln des letztjährigen Jahresniveaus.
Schmuckindustrie: Historische Exportwerte mit eingeschränkter Aussagekraft
Der dominante strukturelle Treiber ist der anhaltende Anstieg der Edelmetallpreise, nicht eine entsprechend gestiegene Nachfrage oder Produktionsauslastung. Gold, Silber und Platin befinden sich seit 2022 in einem außergewöhnlichen Aufwärtszyklus, der sich seit Ende 2025 nochmals beschleunigt hat: Gold erreichte im Februar 2026 ein Allzeithoch von über 5.300 US-Dollar je Unze, bevor eine Korrekturphase einsetzte; J.P. Morgan geht gleichwohl von einer Erholung auf bis zu 4.500 US-Dollar je Unze im vierten Quartal 2026 aus (J.P. Morgan Global Research, Juli 2026). Die in Euro ausgewiesenen Außenhandelswerte der Branche spiegeln diese Preisentwicklung unmittelbar wider.
Quartalsverlauf: Abschwächung im zweiten Quartal
Das erste Quartal 2026 war mit 2,44 Milliarden Euro außerordentlich stark und lag rund 54 Prozent über dem Vorjahresquartal. Im zweiten Quartal schwächte sich der Exportwert auf 2,18 Milliarden Euro ab – noch immer rund 21 Prozent über dem Vorjahresquartal (Q2 2025: 1,80 Milliarden Euro), aber deutlich unterhalb des ersten Quartals. Diese Abschwächung ist ein wichtiges Signal: Der außergewöhnliche Preiseffekt des ersten Quartals, zusätzlich verstärkt durch den Ausbruch des Irankonfliktes Ende Februar 2026, hielt im weiteren Halbjahresverlauf nicht in gleicher Intensität an.
Edelmetalle dominieren, Fertigschmuck mit stabiler Entwicklung
Beim Export von Edelmetallen und Halbzeugen ist der Preiseffekt am prägnantesten: Der Halbjahreswert von rund 2,58 Milliarden Euro (Q1: 1,34 Mrd. Euro; Q2: 1,24 Mrd. Euro) liegt rund 53 Prozent über dem ersten Halbjahr 2025 (1,69 Milliarden Euro). Hier werden Rohstoff- und Halbzeugwerte erfasst, deren Preisbewegungen sich nahezu eins zu eins in den Exportzahlen niederschlagen.
Der Export von Fertigschmuck stieg moderat auf 1,60 Milliarden Euro (Q1: 831,2 Mio. Euro; Q2: 772,9 Mio. Euro), gegenüber 1,53 Milliarden Euro im ersten Halbjahr 2025 – ein Plus von rund 5 Prozent. Preisbereinigt dürfte das Mengenwachstum marginal oder neutral sein.
Besonders auffällig bleibt die Kategorie Diamanten, synthetische Diamanten, Edelsteine und Perlen: Der Halbjahresexport von 430,7 Millionen Euro (Q1: 263,6 Mio. Euro; Q2: 167,1 Mio. Euro) entspricht mehr als einer Verdopplung gegenüber dem ersten Halbjahr 2025 (207,7 Millionen Euro) – eine Entwicklung, die nicht durch den allgemeinen Edelmetallpreiseffekt erklärt werden kann und gesonderte Beobachtung verdient.
Importseite: Strukturell erhöhtes Niveau bestätigt sich
Der Gesamtimport von Schmuck, Gold- und Silberwaren belief sich im ersten Halbjahr 2026 auf 4,09 Milliarden Euro (Q1: 2,09 Mrd. Euro; Q2: 2,00 Mrd. Euro), gegenüber 3,22 Milliarden Euro im ersten Halbjahr 2025 – ein Anstieg von rund 27 Prozent. Die Halbjahressumme übertrifft damit bereits das Gesamtjahresniveau 2023 (4,74 Milliarden Euro). Eine entsprechend gestiegene Importmenge kann daraus nicht abgeleitet werden; die Zahlen belegen jedoch, dass die Nachfrage nach importierten Materialien und Vorprodukten anhält.
Der Import von Fertigschmuck stieg auf 1,39 Milliarden Euro (Q1: 688,2 Mio. Euro; Q2: 704,2 Mio. Euro), gegenüber 1,23 Milliarden Euro im ersten Halbjahr 2025 – ein Anstieg von rund 13 Prozent und damit deutlich stärker als der entsprechende Export (+5 Prozent).
Uhrenindustrie: Solides organisches Wachstum
Die Uhren- und Uhrenteileindustrie präsentiert ein klar von der Schmuckindustrie zu unterscheidendes Bild. Der Gesamtexport von Uhren, Großuhren und Teilen belief sich auf 989,5 Millionen Euro (Q1: 471,3 Mio. Euro; Q2: 518,2 Mio. Euro), gegenüber 940,4 Millionen Euro im ersten Halbjahr 2025 – ein Anstieg von 5,2 Prozent, der weniger von Preiseffekten getrieben ist und auf eine echte, wenn auch moderate Nachfragebelebung hindeutet. Der steigende Quartalsverlauf entspricht dem saisonal üblichen Muster. Auf der Importseite stiegen die Einfuhren auf 1,34 Milliarden Euro gegenüber 1,22 Milliarden Euro im ersten Halbjahr 2025 (+9,9 Prozent); wachsende Importe bei gleichzeitig steigenden Exporten deuten auf eine Normalisierung nach der Lagerbereinigungsphase der Vorjahre hin.
Geopolitischer Kontext: Mehrdimensionale Unsicherheit als struktureller Faktor
Die außergewöhnliche Preisentwicklung bei Edelmetallen ist nicht von der globalen geopolitischen Lage zu trennen. Der Krieg in der Ukraine, die ungelösten Handelskonflikte zwischen den USA und China sowie strukturelle Fragen zur staatlichen Verschuldung haben Gold, Silber und Platin als Sicherungsanlagen nachhaltig neu bewertet. Zentralbanken haben ihre Goldkäufe seit 2022 auf mehr als das Doppelte des Niveaus der Jahre 2015 bis 2019 gesteigert.
Zu diesen Spannungen trat im ersten Quartal 2026 ein unmittelbarer Eskalationsherd hinzu. Am 28. Februar 2026 begannen Israel und die USA mit Luftangriffen auf militärische Ziele im Iran, was sich rasch zu einem regionalen Krieg ausweitete. Der Konflikt erhöhte die geopolitische Risikoprämie bei Edelmetallen nochmals und erklärt die außergewöhnlichen Exportwerte von Q1 2026 teilweise als Krisenreflexion. Darüber hinaus hat er den privaten Konsum in der gesamten Golfregion spürbar gedämpft: Die Vereinigten Arabischen Emirate, Saudi-Arabien und Kuwait zählen traditionell zu bedeutenden Absatzmärkten für hochwertige Schmuck- und Uhrenprodukte – ein Nachfrageausfall in dieser Region trifft die Branche damit nicht nur über den Rohstoffpreis, sondern auch unmittelbar auf der Absatzseite.
Hohe Rohstoffpreise binden Kapital, erschweren die Preisfindung gegenüber Endkunden und reduzieren die Planbarkeit. Unternehmen, die Edelmetalle zu aktuellen Marktpreisen einkaufen und zu kalkulierten Preisen verkaufen, stehen vor dem schwierigen Balanceakt, gestiegene Materialkosten weiterzugeben, ohne Absatzvolumina einzubüßen – in einem europäischen Konsumumfeld, das nach wie vor verhalten bleibt.
Einordnung und Ausblick
Die Halbjahresbilanz 2026 ist statistisch eindrucksvoll und operativ herausfordernd zugleich. Der Rekordexport von 4,62 Milliarden Euro ist in erheblichem Maße ein Preisartefakt: Er bildet gestiegene Materialwerte ab, nicht in gleichem Maße eine gestiegene Nachfrage oder prosperierende Branchenkonjunktur. Die Abschwächung vom ersten zum zweiten Quartal ist ein erster Hinweis darauf, dass der Ausnahmeeffekt des Jahresauftakts im weiteren Jahresverlauf nicht in gleicher Intensität fortbesteht. Die Entwicklung des dritten und vierten Quartals wird zeigen, ob die statistischen Exportwerte des Jahres 2026 als neues Normalniveau oder als singuläre Ausnahmeerscheinung in die Geschichte eingehen werden.
Bundesverband Schmuck und Uhren, Silberwaren und verwandte Industrien e.V.
24. August2026
Quelle: Statistisches Bundesamt, Außenhandelsstatistik, Stand August 2026.



