Der Bundesverband Schmuck und Uhren legt seinen Wirtschaftsbericht für das Jahr 2019 vor und rät für 2020 zur Besonnenheit.

Pforzheim/München, 14.02.2020. Die deutsche Schmuck- und Uhrenbranche blickt mit einem lachenden und einem weinenden Auge auf das Jahr 2019 zurück. Die markanten Begleitfaktoren der Gesamtwirtschaft – allen voran diverse Handelsstreitfälle, auf europäischer Ebene das Ringen um den Brexit sowie die Abschwächung der Binnenkonjunktur – haben in der Schmuck- und Uhrenbranche zwar Spuren hinterlassen, konnten jedoch dem Geschäftsjahr 2019 nicht nachhaltig schaden.

Die Unternehmen der großen Industriebranchen verharren in der Rezession. Betroffen sind vor allem Maschinenbau und Automobilzulieferer, aber auch Chemie- und Elektroindustriebetriebe. Eine Gesamtrezession wurde bislang lediglich durch den Dienstleistungssektor und eine boomende Bauwirtschaft verhindert. Auch unsere Branche kann sich diesem Abschwung nicht entziehen, da viele Unternehmen der Edelmetall- und Präzisionsindustrie einen Abschwung in den Geschäftsfeldern spüren, in denen Aufträge aus der Automobil-, Maschinenbau- und Elektroindustrie eine Rolle spielen.

China und Hong Kong sind die Sorgenkinder des Exports

Die Rahmenbedingungen weltweit bleiben schwierig. Die Weltkonjunktur wächst so langsam wie seit zehn Jahren nicht mehr, der nun offiziell vollzogene Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union wird Handelsströme neu ordnen. Und die chinesische Wirtschaft wächst sogar so langsam wie seit 20 Jahren nicht mehr. Insbesondere letzteres hat, gepaart mit den politisch motivierten Demonstrationen in der Sonderverwaltungszone Hong Kong, auch in der Schmuck- und Uhrenindustrie für Schwierigkeiten gesorgt. Der Uhrenexport von Deutschland und der Schweiz nach Hong Kong und China ist massiv eingebrochen, auch im Bereich Schmuck waren die Auswirkungen deutlich. So gingen laut Jewellerynet Asia die Umsätze mit Schmuck in Hong Kong von Januar bis November 2019 gegenüber dem gleichen Zeitraum im Jahr 2018 um über 20 % zurück, im November waren es sogar 43,5 % minus gegenüber dem Vorjahresmonat.

Die Sorgen im Absatzmarkt Hong Kong sind insbesondere für die Luxusmarken alles andere als neu. Dieser einst unglaublich mächtige Markt für Luxusuhren und -schmuck hat im Laufe der letzten Jahre ein paar massive Schläge erhalten, die globale Auswirkungen haben. Es begann nicht erst mit den anhaltenden politischen Protesten in der Stadt, sondern tatsächlich schon vor einigen Jahren, als die chinesische Regierung beschloss, Verbrauchern nicht mehr zu erlauben, mit im Ausland erworbenen Luxusgütern ins Land zu kommen, ohne eine Mehrwertsteuer zu zahlen. Hongkong als Ausflugziel für Festlandchinesen verkaufte nicht mehr so viele Uhren und Schmuck, weil der Steueranreiz beseitigt wurde. Dazu kamen dann im Jahr 2019 die Proteste. Die Statistiken variieren in Bezug auf die Auswirkungen auf den Umsatz, jedoch sind sie für deutsche, aber auch Schweizer und französische Luxusgüterhersteller deutlich spürbar.

Seit Beginn des Jahres 2020 kommen nun noch die teilweise verheerenden Auswirkungen des Corona-Virus hinzu. Um die Ausbreitung in Grenzen zu halten, sind aktuell ganze Städte in China von der Außenwelt abgesperrt, Fluglinien fliegen die Großregion aktuell nicht an. Da die Chinesen rund ein Drittel der Zielgruppe für Luxusgüter ausmachen, droht auch der Uhren- und Schmuckindustrie ein weiterer herber Rückschlag.

Auch in Bezug auf die Messeaktivitäten der Branche zeigen sich bereits erste negative Konsequenzen. Die März-Ausgabe der Schmuckmesse in Hong Kong als eine der bedeutendsten Branchenmessen weltweit ist schon abgesagt und auf den Mai verschoben worden. Ob diese dann stattfinden kann oder ob der Messekalender noch langfristiger durcheinandergewirbelt wird, ist Stand heute noch nicht absehbar. Auch die Hausmesse der Schweizer Swatch Group „Time to Move“, die im März stattfinden sollte, ist abgesagt worden. Umso mehr hat die deutsche Branche große Erwartungen an die Ergebnisse der deutschen Leitmesse Inhorgenta Munich, die heute Ihr Tore öffnet und in den letzten Jahren wieder zur Lieblingsmesse der deutschen Hersteller avanciert ist.

Dr. Guido Grohmann, Hauptgeschäftsführer beim Bundesverbandes Schmuck, Uhren, Silberwaren und verwandte Industrien e.V. (BVSU) freut sich auf die Inhorgenta: „Es ist selbstverständlich, dass die noch nicht absehbaren Auswirkungen des Corona-Virus auch die Teilnehmer unserer Branche nervös machen. Umso größer wird für unsere deutschen Firmen die sowieso schon große Bedeutung der Inhorgenta Munich, auf der Hersteller und Fachhändler schon in den nächsten Tagen die Weichen stellen können für einen erfolgreichen Start in das Jahr 2020. Mit Blick auf 2019 können wir attestieren, dass wir aller negativen Trends zum Trotz sehr gut gearbeitet haben.“

Das belegen auch die ersten statistischen Auswertungen des Geschäftsjahrs 2019 für die Branche. Zwar konnte der Dezember 2019 noch nicht vom statistischen Bundesamt ausgewertet werden, jedoch machen die Zahlen bis Ende November Mut auf ein gutes Gesamtergebnis für 2019, welches voraussichtlich im März 2020 endgültig ausgewertet sein wird.

Nach dem bisher vorliegenden Zahlenmaterial erzielten die in 2019 von 16 auf 14 zurückgegangenen deutschen Uhrenhersteller mit mehr als 50 Beschäftigten (nur diese werden zunächst vom Statistischen Bundesamt erfasst) in den ersten elf Monaten mit ca. € 348 Mio. einen um 7,2 % geschrumpften Umsatz im Vergleich zum gleichen Vorjahreszeitraum 2018. Ebenso sank die Zahl der Beschäftigten von 2.741 in den zuvor 16 Unternehmen auf 2.358 in den nun 14 Unternehmen. Auch der Export blieb mit ca. € 1,38 Mrd. um 8,7 % hinter den Zahlen von November 2018 zurück. Bei letzterem Wert ist zu berücksichtigen, dass sämtliche Betriebe der Branche unabhängig von ihrer Größe erfasst werden, wenn sie eine jährliche Berichtsgrenze von € 500.000 übersteigen.

Die auf 27 gestiegenen Produzenten von Schmuck, Gold- und Silberschmiedewaren mit mehr als 50 Beschäftigten verzeichneten von Januar bis November 2019 mit ca. € 427 Mio. eine Umsatzsteigerung von rund 15 % gegenüber dem Vorjahreszeitraum (€ 370 Mio). Hierbei ist allerdings mit einzurechnen, dass sich die Zahl der Betriebe mit mehr als 50 Beschäftigten von 24 auf 27 erhöhte. Entsprechend stieg die Zahl der Mitarbeiter um ca. 17 % auf 2.895. Jedoch sank der Export der gesamten Branche zum Vergleichszeitraum 2018 um etwa 9,2 % auf etwa € 2,155 Mrd. Auch hier gilt die Berichtsgrenze von € 500.000, unabhängig von der individuellen Betriebsgröße. Wegen der Berichtsgrenze können die hier genannten Umsatzzahlen nicht den Gesamtexport wiedergeben.

Deshalb ist für den BV Schmuck und Uhren auch die interne statistische Datenerfassung von wichtiger Aussagekraft, da ca. 60 % der Mitgliedsfirmen weniger als 20 Mitarbeiter aufweisen. So zeigt sich u.a., dass 43 % der kleineren Mitgliedsfirmen einen 5-10 % höheren Umsatz im zweiten Halbjahr 2019 gegenüber dem entsprechenden Vorjahr berichten, während die Mitgliedsfirmen mit mehr als 20 Beschäftigten zu ca. 67 % einen gleichgebliebenen Umsatz vermelden. Rund 22 % der größeren Betriebe sprechen von einem leicht erhöhten Umsatz.

Was die Umsatzerwartungen im ersten Halbjahr 2020 anbelangt, so rechnen die größeren Firmen zu 33 % mit einer günstigeren Entwicklung, ebenso viele mit einer gleichbleibenden Tendenz. Bei den kleineren Unternehmen sind es hingegen nur 17 %, und 50 % rechnen mit einer gleichen Entwicklung wie in 2019. Im Export erwarten die größeren Firmen zu 36 % eine günstigere Entwicklung (Vorjahreswert: 47 %). Im Binnenmarkt erwarten 33 % (Vorjahr 35 %) eine positive Entwicklung. Die kleineren Firmen rechnen bei ihren Umsatzerwartungen zu ca. 60 % mit einem gleichbleibenden Anteil am Export und zu 50 % mit stabilen Verhältnissen im Binnenmarkt.[1]

Weiterhin schwierig gestaltet sich der Arbeitsmarkt, der auf der einen Seite am Fachkräftemangel leidet, auf der anderen Seite unter den gestiegenen Löhnen in der Edelmetallindustrie leidet. Die Verlagerung von Arbeitsplätzen ins Ausland ist eine logische Konsequenz, es bewahrheitet sich somit die Befürchtung des BV Schmuck und Uhren, die im Wirtschaftsbericht des vergangenen Jahres geäußert wurden. Deshalb ist es nicht weiter verwunderlich, dass 70 bis 80 % der Mitgliedsfirmen des BVSU keine Personalaufstockungen geplant haben. Rund 15 % der kleineren und 22 % der größeren Betriebe wollen dennoch versuchen neue Mitarbeiter einzustellen.

Die Messen im In- und Ausland sind für die BVSU Mitgliedsunternehmen trotz aller Unkenrufe unverändert wichtige Marketing- und Kommunikationsplattformen. Nach der jüngsten Umfrage wurde folgende Platzierungen vergeben: 1. Rang Inhorgenta Munich (Vorjahr Rang 2), 2. Rang Vicenza Oro Januar (Vorjahr Rang 1), 3. Rang Hong Kong März, 4. Rang Hong Kong September. Die ehemalige Leitmesse Baselworld rutscht im Mitgliederranking auf den 5. Platz ab.

Jahresend-Rally im deutschen Fachhandel

Unabhängig von den weltweit verursachten Sorgen belegen auch die Zahlen aus dem Fachhandel, dass insbesondere das letzte Quartal des Jahres 2019 sehr gut abgeschnitten hat. BVSU Präsident Uwe Staib erläutert: „Nach einigen Höhen und Tiefen im Verlauf des Jahres hat der Umsatz im Fachhandel und auch Online im letzten Quartal ein richtig gutes Ergebnis geliefert. Die Zahlen unser Partner des Handelsverbandes Juweliere (BVJ) sprechen eine deutliche Sprache und belegen die Eindrücke, die wir deutschen Hersteller im Jahresendgeschäft gewinnen konnten.“ Insgesamt stieg der Umsatz des deutschen Handels in 2019 laut BVJ um 3,9 % auf 3,53 Mrd. Euro.[2]

Gold- und Platinschmuck machen dabei den Großteil des Umsatzes aus. Gegenüber den Vorjahren ist der Bereich des Trendschmucks rückläufig, auch die klassischen Uhrenprodukte sind unter Druck. In den Gesamtzahlen des Handels wird der Druck auf die Uhrenhersteller durch „neue“ Produkte aus den Bereichen Smart- und Connected-Watch kompensiert. Das Thema Hochzeit bzw. Trauringe zeigt sich auf einem konstant hohen Niveau. Die Anzahl der Hochzeiten ist in Deutschland auf einem Höchststand, auch die Gesamtausgaben bei Hochzeiten sind auf Rekordniveau. Davon profitiert auch der Markt für Trauringe. „Insgesamt blicken wir vorsichtig positiv in die Zukunft. Der deutsche Markt ist stabil, weltweit hoffen wir auf ein baldiges Ende der Corona-Krise“, sagt BVSU Präsident Uwe Staib.

Bundesverband Schmuck und Uhren, Silberwaren und verwandte Industrien e.V.

Februar 2020

[1] Es sei angemerkt, dass die Befragung vor Bekanntwerden des Corona-Virus erfolgt ist.

[2] BVJ: Qualitatives Wachstum im Schmuckmarkt, Pressemitteilung des Bundesverbands der Juweliere, Schmuck- und Uhrenfachgeschäfte e. V. vom 14.02.2020.

Download: Pressemitteilung Wirtschaftsbericht 2019/2020 (pdf)

Download: Press release industry report 2019/2020, (pdf)